Ästhetik und Wahnsinn - Friedrich Hölderlin

0. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Ästhetik und Wahnsinn, am Beispiel des deutschen Dichters Friedrich Hölderlin. Es soll diesbezüglich erörtert werden, inwiefern die eintretende Geisteskrankheit im Jahre 1800, einen Einfluss auf die Dichtung des Lyrikers gehabt hat. In diesem Zusammenhang wird das Gedicht „Hälfte des Lebens“, welches 1804 erschienen ist, unter Berücksichtigung sprachlicher und inhaltlicher Aspekte analysiert. Grundlage der Analyse bildet das Werk Karl Jaspers, „Strindberg und van Gogh. Versuch einer pathographischen Analyse“. Zuerst soll jedoch ein kurzer biographischer Einblick in das Leben des Dichters und den Verlauf seiner Krankheit erfolgen.1

1. Friedrich Hölderlin 1.1 Biographie des Dichters

„Wir teilen zuerst einiges über sein früheres äußeres Leben mit und hängen dem sogleich unsere Bemerkungen an, sobald wir etwas finden, was auf sein späteres Schicksal bezogen werden muß. Denn die Keime, die ersten Gründe und Ursachen desselben sind in den frühesten Entwicklungsjahren, ja gewissermaßen einzig und allein in der unselig feinen geistigen Organisation zu suchen, die bei allzu vielen Täuschungen, harten Ereignissen und traurigen Kombinationen äußerer Umstände sie endlich in sich selbst zerstörte.2

Johann Christian Friedrich Hölderlin wurde am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren, im Herzogtum Württemberg als Sohn eines Klosterhofmeisters und einer Pfarrerstochter. Im Alter von zwei Jahren starb sein Vater Heinrich Friedrich Hölderlin. Seine Mutter heiratete kurze Zeit später 1774, Johann Christoph Gok, den späteren Kamerrat und Bürgermeister der Stadt Nürtingen. Die Familie zog nach Nürtingen, wo Hölderlin Kindheit und Jugend verbachte.

„Zu dem großen Einfluß, welchen die schöne ländliche Natur auf die Seele des Knaben übte, trat bald ein anderer nicht minder wesentlicher hinzu. Das an frommen Stiftungen reiche Städtchen Nürtingen besitzt auch eine, von alter Zeit her berühmte vortreffliche lateinische Schule, [...]“3

Als Hölderlin 9 Jahre alt war, starb auch sein Stiefvater Johann Christoph Gok. Hölderlin besuchte in Nürtingen die Lateinschule und anschließend die Klosterschule in Denkendorf und Maulbronn, welche eine Vorbedingung für den Wunsch der Mutter, eine Pfarrerlaufbahn einzuschlagen, war. Der Freund und Biograph Hölderlins Wilhelm Waiblinger schreibt dazu in seiner Hölderlin Biographie, „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“, rückblickend:

„Hölderlins böses Geschick führte ihn in ein Seminarium, worin junge Leute für das Studium der Theologie vorbereitet und erzogen wurden. Er wurde, wie er selbst in seinen späteren Jahren, ja noch zur Zeit seines Irrens sagte, von Außen bestimmt und gezwungen, sich der Theologie zu widmen. Dies widersprach gänzlich seiner Neigung.“4

Hölderlin war anschließend Stipendiat im Tübinger Stift an der Universität Tübingen, schloss dort Freundschaften, unter anderem mit den späteren Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Er war 19 Jahre alt als die Französische Revolution ausbrach, welcher er und seine Stiftskollegen positiv gegenübersanden.

Er weigerte sich jedoch im Anschluss an die bestandene Prüfung vor dem Konsistorium in Stuttgart (1993), eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen und war zunächst als Hauslehrer für Kinder wohlhabender Familien tätig. 1994 besuchte er die Universität Jena und machte dort Bekanntschaft mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schillers, den er ein Jahr zuvor bereits getroffen hatte, verließ im Schatten Schillers jedoch 1795 Jena und war einige Jahre als Hauslehrer unterwegs. 1795 als Hauslehrer im Hause des Kaufmanns Gontard verliebt er sich in die Hausherrin Susette Gontard. Er widmet ihr unter dem Synonym „Diotima“5 später zahlreiche Gedichte und eine Figur in seinem Roman „Hyperion“. 1798 muss er das Haus in Folge der Liebschaft, „mehr oder weniger freiwillig“6 verlassen. In den folgenden Jahren lebt er von seinem Ersparten bei einem Freund (Sinclair) in Homburg und danach notgedrungen im Haus seiner Mutter. 1802 bricht er einen Frankreichaufenthalt, den er als Hauslehrer in Bordeaux verbracht hatte, ohne ersichtlichen Grund ab und kehrt verwahrlost und verwirrt in die Heimat zurück.

1.2 Die Krankheit und Verlauf der Krankheit

Im Jahre 1800 zeigen sich erste Spuren einer beginnenden Schizophrenie, die sich in den folgenden Jahren weiter manifestieren. Erste Symptome im Jahr 1800 äußern sich durch schwindende Arbeitskraft und eine betäubende Unruhe. Hölderlin fühlt sich „allzu nüchtern und verschlossen“, „oft wie Eis“, Gefühle von Fremdheit und Vereinsamung treten auf.7

„1802 ist die Geisteskrankheit für die Umgebung manifest.“8 Zwischen April und Juni 1802 ist Hölderlin als Hauslehrer in Bordeaux tätig. Hölderlin bricht seinen Frankreichaufenthalt ohne Begründung ab und kehrt verwahrlost, mit Zeichen des Irrsinns, in seine Heimat zurück. Es treten Erregungszustände mit Gewalttätigkeiten auf.

Christoph Theodor Schwab schreibt in seiner Hölderlin Biographie „Hölderlins Leben“, über das Zusammentreffen mit der Mutter nach seiner Rückkehr aus Frankreich:

„Aus dieser Ungewißheit wurde sie auf eine schmerzliche Weise gerissen, als im Anfang Juli`s desselben Jahres Hölderlin plötzlich bei seiner Mutter in Nürtingen eintraf. Er erschien mit verwirrten Mienen und tobenden Geberden, im Zustande des verzweifeltsten Irrsines und in einem Aufzug, der die Aussage, daß er unterwegs beraubt worden sei, zu bestätigen schien.“9

Wackwitz schreibt über Hölderlins Rückkehr aus Frankreich, in seiner Hölderlin Biographie:

„Über Paris, wo er die Antikensammlungen besichtigt, kehrt er im Juni oder im Juli eintrifft – dem Zeugnis der Familie und Freunde nach verwahrlost, körperlich zerrüttet und geistig gestört.“10

Über die Gründe seines auftretenden „Wahnsinns“ wurde viel spekuliert. Sie bleiben jedoch in der letzten Konsequenz ungeklärt. Die Nachricht vom Tod Susette Gontards, seiner Geliebten „Diotima“, welcher er zahlreich Gedichte gewidmet hat, ein Vertrauensbruch zur Mutter, von der er sich unverstanden fühlte oder die Zurückweisung Schillers, der politisch motivierte Prozess gegen seinen Freund Sinclair, in den auch Hölderlin hineingezogen wurde, Schicksalsschläge und die angespannte literarische Arbeit, die Hölderlin an den Rand des literarischen Diskurses drängte, begünstigen die psychischen Veränderungen in Hölderlins Persönlichkeit.

Wackwitz schreibt, in Bezug auf den plötzlichen Tod Susette Gontards:
„Der Einfluß eines solchen Ereignisses auf seinen schon vorher so bedenklichen Zustand – Schiller hatte denselben schon vor fünf Jahren gefährlich genannt – läßt sich leicht ermessen; seine Natur brach zur gleichen Zeit, da jenes Wesen, in dem er die sonst vergebens gesuchte Idealwelt gefunden hatte, von der Erde schied.“11
Doch scheint dies nur der Auslöser zu sein, für eine Krankheit, die sich seit vielen Jahren abgebahnt hatte.

Schiller hatte Hölderlins Zustand schon einige Jahre zuvor 1997 in einem

Brief an Goethe besorgt beschrieben.
„Er hat eine heftige Subjectivität, und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich, da solchen Naturen so gar schwer beizukommen ist.“12
1804 verschafft ihm sein Freund Sinclair noch eine Stelle als Hofbibliothekar

in Homburg, jedoch schreibt Sinclair 1806 an Hölderlins Mutter, dass er aufgrund der Krankheit nicht mehr für Hölderlin sorgen könne.
1806 wird Hölderlin in eine Tübinger Klinik eingewiesen. Sein Zustand verschlechtert sich jedoch, sodass er kurze Zeit später entlassen wird und von nun an „im Haus eines wohlhabenden und gebildeten Tischlermeisters Namens Zimmer, [...]“
13 untergebracht wird. Er lebte dort im Endstadium bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843. Nach seiner Rückkehr nach Tübingen, gelingt es nur noch wenigen Menschen, wie dem jungen Dichter Wilhelm Waiblinger, eine persönliche Beziehung zu dem verwirrten Dichter aufzubauen.

2.0 Ästhetik und Wahnsinn

2.1 Diskurs zum Begriff der Geisteskrankheit

Die Germanistik und die Psychiatrie vertreten unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf Hölderlins Geisteskrankheit. Der Widerspruch zeigt sich in zwei Hölderlin Studien, von dem französischen Germanisten und Politiker Pierre Bertaux14 einerseits und von dem Direktor der Psychiatrischen Klinik der Johannes-Gutenberg-Universität Uwe Hendrik Peters in Mainz andererseits.15 Bertaux behauptet in seiner 1978 erschienen Biographie „Friedrich Hölderlin“, Hölderlin sei nicht verrückt gewesen und habe „die Maske des Wahnsinns freiwillig und bewußt angelegt, aus Ekel vor der Gesellschaft seiner Zeit und um politischer Verfolgung zu entgehen – [...]“16. Hölderlin habe demnach seine psychische Desorientiertheit vorgetäuscht, um nicht in den Prozess seines Freundes Isaac von Sinclair verwickelt zu werden. Anzumerken ist das der Begriff des Wahnsinns sich zwischen dem 18. Und 19. Jahrhundert verändert. Um 1800 galt der Begriff noch als „natürliche“ Anlage des Künstlers, während sie im Laufe des 19. Jahrhundert sich zum medizinischen Gegenstand entwickelte. Der Schizophrenie Begriff stand ebenfalls in der Diskussion. Bertaux beruft sich bei seiner Analyse auf die „vormedizinischen religiös und poetisch konnotierten Erklärungsmodelle [...].“17 Er glaubt zwar an eine Geisteskrankheit, definiert Wahn aber im Falle Hölderlin im Sinne der Antipsychiatrie als Abweichung von „sozialen Codes und Diskussionsformen.“18 Er meint das Hölderlins Verhalten eine „verstehbare Reaktion auf die Enttäuschungen darstellt, die der Dichter sein Leben lang erlitten hat.“19 Peters widerspricht Bertaux anhand zahlreicher zeitgenössischer Dokumente, welche die psychischen Ausfallerscheinungen bestätigen.

„Die Entscheidung darüber, ob Hölderlin geisteskrank war oder sich freiwillig zurückgezogen hat, hängt davon ab, ob man den Veränderungen seiner Persönlichkeit nach 1806 Krankheitswert zusprechen will oder nicht.“
„Akzeptiert man prinzipiell, daß es so etwas wie Geisteskrankheit gibt (Bertaux tut es), dann kann die Interpretation, daß Hölderlin nach 1806 krank war, doch erheblich mehr Wahrscheinlichkeit beanspruchen, als die, daß er sich fast 40 Jahre lang verstellt hat.
20

Jedoch sind sich die meisten Hölderlin Biographen zum Beispiel, Germanisten wie Lange und v. Hellingrath oder Psychiater wie Peters und Jaspers einig, dass Hölderlins Geisteskrankheit nicht vorgetäuscht worden ist, wobei die Definition der Geisteskrankheit schwierig zu bestimmen ist. „Der Begriff des Geistig-Normalen ist abhängig von dem des geistigen Durchschnitts und dem gewisser psychischer Gesetzmässigkeiten.“21, doch sprechen in beiden Fällen die Zeichen für eine Geisteskrankheit beim schwäbischen Dichter.

2.2 Verbindung von Werk und Krankheitsprozess

„Die Beziehung zwischen Werk und Autor ist kompliziert, denn das Werk ist ein eigenes Wesen, das den Autor nicht kongruent spiegelt oder abbildet. Es ist aus einem Autor entstanden, ohne daß die Entstehungsbedingungen erkenn- und determinierbar sind. Dies ist eine Folge der Komplexität, die allen menschlichen Äußerungen und Verhaltensweisen zugrunde liegt und in letzter Zeit – nicht zuletzt auch in der Psychiatrie – in den Mittelpunkt des Interesses rückt [27]. Einmal geschaffen hat das Werk damit de facto keine Beziehung mehr zu seinem Schöpfer [13]. Auch wenn der Künstler seine Motive aus seinen Erlebnissen schöpft, zu denen auch psychische Krankheiten und andere Ausnahmezustände gehören können, stellt ein Werk immer eine aus einer bestimmten Intention und Konzeption erzeugte, bewußte Gestaltung eines Stoffes dar.“22

Karl Jaspers äußert sich in seinem Werk, „Strindberg und Van Gogh. Versuch einer vergleichenden pathographischen Analyse“, zur Verbindung von Werk und Krankheitsprozess im Leben Friedrich Hölderlins und stellt fest:

„Die Chronologie des Krankheitsprozess ist nach psychiatrischen Gesichtspunkten ohne allen Hinblick auf eine eventuelle Wertung der Werke zu gewinnen. [...]. Geistige Werke existieren zunächst an sich, sind, ohne daß ihre Genese betrachtet wird, in reiner qualitativer Anschauung zugänglich, verstehbar, wertbar.“23

Diese Auffassung Jaspers richtet sich nach lebendiger Bedeutung für den gegenwärtig auffassenden und assimilierenden Menschen und fragt nicht nach Wirklichkeiten und Zusammenhängen. Die Erfahrung zeigt, dass Kunstwerke für spätere Generationen in anderer Hinsicht gelten können, als es vom Verfasser im Grunde beabsichtigt war. Jaspers schreibt weiter:

„Wenn wir nun gar geistige Werke auf Krankheit beziehen, so bleibt eine Selbstverständlichkeit, daß der Geist nicht erkranken kann, daß er einem unendlichen Kosmos angehört, dessen Wesen unter gewissen Bedingungen nur in besonderen Gestaltungen in die Wirklichkeit tritt.“24

Dennoch können Krankheit und Werk nach Jaspers in einem Zusammenhang stehen und dieser Zusammenhang liegt im Interesse des Erkennenden. Jaspers stellt fest, dass Hölderlins Werke aus der Zeit von 1801-1805 in einer Zeit entstanden sind, in der Hölderlin an der Schizophrenie erkrankt war. Jedoch werden diese Werke verschieden gewertet. Erst wurden sie kaum beachtet, dann im 20 Jahrhundert von Wilhelm Lange Eichbaum in seiner Hölderlin Pathographie aufgrund von Merkmalen der Psychose als minderwertig gegenüber früheren Arbeiten Hölderlins beurteilt, während sie von Norbert von Hellingrath als „Herz, Kern und Gipfel des Hölderlinschen Werks, das eigentliche Vermächtniß erklärt“ wurden.25

Nach Jaspers können beide Autoren, trotz sich ausschließender Wertung, Recht behalten, weil beiden Auffassungen, unterschiedliche Wertungen zugrunde liegen können. (Lange, wenn er Wandlungen der Dichtung kausal auf die Psychose bezieht und v. Hellingrath, wenn er Wandlungen feststellt, ohne nach der Psychose zu fragen.) Jaspers rät deshalb, zuerst vom Inhalt abzusehen und sich auf die „Wirkung der Worte, Wortfügungen, das sogenannte Formale und Wesentliche, das eigentliche Leben des dichterischen Werkes“, zu konzentrieren.26 In Langes Analysen finden sich solche fassbaren Merkmale des Wandels in Hölderlins Sprache z.B „die gehäufte Verwendung von substantivischen Adjektiven und Infinitiven“27, oder die „gehäufte Verwendung von `Flickworten`, z.B. „aber“, „nämlich“, „wie sonst“.28 Von Hellingrath unterscheidet zwar zwischen einer rauen und glatten Fügung und erkennt Unterschiede zwischen einer früheren und späteren Gedichtfassung, stellt aber fest, dass „eine kontinuierliche Entwicklung sich bis zum Zusammenbruch um das Jahr 1805 erstreckte, die rein geistig völlig begreifbar sei.“29 Eine ähnliche Meinung hat auch Wilhelm Dilthey. Dilthey sagt über die Hymnen „Nachtgesänge“:

„Das ist nun das Schicksalsvolle dieser letzten Epoche Hölderlins, daß seine ganze dichterische Entwicklung hindrängte zu der gänzlichen Befreiung des inneren Gefühlsrhythmus von den gebundenen metrischen Formen, dieser letzte Schritt aber erst von ihm an der Grenze des Wahnsinns getan wird.“30

Dilthey erkennt eine Veränderung an den „Nachtgesängen“ in der energiegeladenen, unabhängigen bildhaften Gestaltung und in der bildlichen Stärke der Sprache, die bis ins Seltsame, Exzentrische verläuft. „Es ist darin eine eigene Mischung von krankhaften Zügen mit dem Gefühl des lyrischen Genies für einen neuen Stil.“31

Im folgenden Abschnitt soll eine potenzielle Veränderung in Hölderlins Lyrik, am Beispiel des Gedichts „Hälfte des Lebens“, aus dem Jahre 1804, untersucht werden.

2.3 Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See
Ihr holde Schwäne,

Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Wehe mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehen
Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen.
32

Das Gedicht „Hälfte des Lebens“, welches 1803 für die Gedichtsammlung „Nachtgesänge“ verfasste wurde und 1805 in Friedrich Wilmans „Taschenbuch für das Jahr 1805“ veröffentlicht wurde, besteht aus 2 Strophen mit jeweils 7 Versen. Das fehlende Reimschema deutet auf die antike Tradition der Dichtung. In der ersten Strophe findet sich eine lebhafte Landschaftsbeschreibung. Die inhaltliche Fülle der Beschreibung wird durch zahlreiche Adjektive („gelben Birnen“, „wilden Rosen“, „holde Schwäne“), und den Parallelismus „gelben Birnen“, „wilden Rosen“ bestärkt. Die Beschreibung deutet auf eine schöpferische, lebensfrohe Jahreszeit hin, die „wilden Rosen“ symbolisieren die gefühlvolle Liebe. Die zweite Strophe beginnt dagegen mit einer Klage.

„Wehe mir wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / [...]“. Das lyrische Ich klagt über den einbrechenden Winter, der den Sommer und die Blüte vertreibt. Die Adjektive fallen auf sprachlicher Ebene weg. Eine Alliteration unterstreicht den inhaltlichen Gleichklang. „Wehe mir, wo nehm ich, wenn“. Die Personifikation (Die Mauern stehen / Sprachlos und kalt, im Winde / [...]“) drückt die starre Gefühlslage des lyrischen Ichs aus. Es werden zwei gegensätzliche Zustände in den Strophen antithetisch gegenübergestellt, in deren Mitte sich das lyrische wiederfindet. Die frohe sommerliche Landschaftsbeschreibung mündet mit der Angst des lyrischen Ichs, vor dem eintretenden Winter. Das Gedicht fällt ins Jahr 1803, Hölderlin ist 33 Jahre alt, lebt mittelos in seiner Heimatstadt bei seiner Mutter, erste Anzeichen einer Geisteskrankheit sind bereits im Leben des Autors aufzufinden. Es stellt sich die Frage, ob sich die äußeren Lebensumstände und die Symptome der Geisteskrankheit in dem Gedicht manifestieren.

Lange äußerst sich zuerst im Allgemeinen zum Stil der Nachtgesänge, in denen der Autor 9 Gedichte zusammengefasst hat:

„Auch uns erscheinen die freien Rhythmen hier nicht als ein Fortschritt aus der streng gebundenen Form seiner früheren Zeit (was sie freilich hätten sein können), sondern als ein Rückschritt, als ein Ausdruck der wankenden Herrschaft über die Form. Diese Gedichte sind nicht etwa nur ́schlecht ́ im Verhältnis zu den gesunden Dichtungen Hölderlins, sondern auch an sich betrachtet, sofort als geisteskranke Produkte erkennbar.“33

Zum Gedicht „Hälfte des Lebens“ äußert sich Lange wie folgt:

„Das Ganze steht da als ein imposanter Ausdruck des Gefühls der Vereinsamung, seine Umgebung erschien dem Kranken fremd und rückte in eine unheimliche, unfassbare Ferne. Die Unfähigkeit zur Abstraktion liess den Kranken gerade am unmittelbaren sinnlichen Eindruck haften, und dadurch haben einige Gedichte aus den ersten Jahren der Geisteskrankheit im Verhältnis zu früheren Dichtungen Hölderlins an Plastik und Anschaulichkeit gewonnen. So ist ́der neue Stil ́, den man in diesen kranken Gedichten hat finden wollen, zu erklären.“ 34

Jaspers erkennt ähnlich wie Lange eine veränderte Atmosphäre im Sprachlichen und Formalen, möchte dies jedoch nicht objektivieren. Er betont, dass die Nachtgesänge schon in der Zeit der Schizophrenie fallen und die Krankheit sich in Übergängen, in einem wachsenden Prozess manifestiert.

„Auch dann, wenn eine völlige Wandlung der ganzen Atmosphäre sprungartig gegeben ist, braucht diese nicht auf den schizophrenen Prozeß bezogen werden.“35

Jaspers schreibt weiter:
„Es ist unfruchtbar, auf Hölderlinsche Dichtungen grobe psychiatrische Kategorien anzuwenden. ([...]) Wohl aber könnten Eigenschaften dieser Dichtungen Licht werfen auf das Wesen des Schizophrenen ([...]) und den Begriff des Schizophrenen selbst anschaulicher erfüllen.“36

In den folgenden Jahren zwischen 1804-1806 erkennt Jaspers eine zunehmende Wandlung in Hölderlins Dichtungen in langsamen Übergängen, möchte diese jedoch nicht zugunsten der Geisteskrankheit auslegen.

„Die Dichtungen werden nun einfacher, kindlicher oder auch leerer. Es entstehen zufällige Rhythmen und nur klingende Reime, und oft werden die Verse auch für größtes Bemühen schwer verständlich.“37

2.4 Die inhaltliche Wandlung in Hölderlins Dichtung:

Da die Schriftstücke Hölderlins in der Zeit seiner Erkrankung schwer verständlich und unzuverlässig publiziert sind, rät Jaspers sich „greifbaren Momenten in der Wandlung der Hölderlinschen Dichtung“38 zuzuwenden, welche inhaltlich, im unmittelbaren Erleben des Dichters zu finden sind. Diese Wandlung lässt sich nach Jaspers erkennen, aufgrund der Entwicklung der eigenen Selbstauffassung, der mythischen Weltanschauung, der inneren Spannung und der Vehemenz göttlicher Einwirkung. Zur veränderten Selbstauffassung stellt Japsers fest:

„In der Zeit der Krankheit geht nun allmählich - eine erschütternde Tatsache -dies bewegte und leidende Selbstbewußtsein Hölderlins in ein festes und souveränes über, indem gleichzeitig seine Dichtung sich tatsächlich nicht mehr an die wirkliche Welt wendet, sondern der Einsame, der diese Einsamkeit immer weniger spürt, sie in eine zeitlose Welt setzt, die ihm aus der äußersten Spannung zwischen erschütternden Gesichten und energischer ordnender Kraft erwächst.“39

2.4.1 Die mythische Weltanschauung: 

Hölderlin hat von früh auf ein tiefes Bewusstsein von der Verwandtschaft des Menschen mit der Natur, mit dem Griechentum, mit dem Göttlichen, welche ihm während der Zeit seiner

Krankheitsphase „gegenwärtiger, unmittelbarer, erfüllter“ erscheint.


„Er erfährt eine mythische Gegenwärtigkeit, in der die sogenannte Wirklichkeit des naturalistisch eingestellten Menschen nicht getrennt ist von der Gegenwart des Absoluten, Göttlichen.“
40

2.4.2 Die innere Spannung: 1801 und um 1805/06 treten Veränderungen

in der Handschrift Hölderlins auf.
„Die Zeit zwischen diesen beiden Grenzpunkten findet die auflösenden, erregenden, Funktionen verändernden Kräfte des Prozesses im Kampf mit einem disziplinierenden Willen, der mit äußerster Energie Zusammenhalt, Ordnung, Ganzheit sucht.“
41
Die „weiche und sehr bewegliche“ Handschrift wird nach Analyse von v.

Hellingrath, „größer und regelmäßiger“, wird gewollter und zum Ende hin steiler, beides Zeichen für Willensanstrengung, bis sie wieder übergeht in geregelte Formen.42

2.4.3 Die Vehemenz göttlicher Einwirkung.

„Vor dem Beginn des Prozesses kommen in Hölderlins Dichtung nur scheinbar ähnliche Vorstellungen in einem Empedokles-Fragment vor.“43

Der Dichter beschreibt die überwältigende Gefahr seiner Figur, vor der drohenden göttlichen Offenbarung. Nach Ausbruch der Krankheit wird die Gefahr für den Dichter selbst zur erlebten Wirklichkeit.

„Nun ist die Gefahr für den Dichter selbst vorhanden, er kann zertrümmert werden, während seine Aufgabe gerade ist, das gefährliche Göttliche in die Gestalt der Dichtung aufzufangen und unschädlich den Menschen zu vermitteln.“44

3.0 Schluss

„Fragen wir nach der Beziehung zwischen Schizophrenie und Werk, so kann der sehr allgemeine Begriff der Beziehung sehr verschiedene Bedeutung annehmen: Zunächst kann man nichts weiter fragen wollen als: ist die Schizophrenie bei diesen besonderen Menschen die Ursache oder eine Ursache für das Schaffen der Werke?“45

Jaspers äußert sich diesbezüglich wie folgt:
„Daß die Schizophrenie bei manchen großen Künstlern eine Bedingung für das Schaffen

ihrer Werke ist, wird durch die Koinzidenz des zeitlichen Verlaufs der Entfaltung der Psychose, der Änderung ihrer Erlebens- und Schaffensweise mit dem Stilwandel der Werke äußerst wahrscheinlich gemacht.“46

Er fragt danach zweitens, „wenn mit der Schizophrenie ein Stilwandel auftritt, ist dann die Schizophrenie vielleicht eine spezifische Bedingung?“47 Nach Jaspers Untersuchung führt zum Beispiel der Alkoholismus nicht zum radikalen Stilwandel, das Leben bleibt „eine große einheitliche Gestalt“48, im Gegensatz zur Paralyse, bei der vergleichbare Wirkungen auftreten.49

Und drittens fragt Jaspers, ob sich etwas von der spezifischen Ursache im Werk selbst zeigt, bzw. ob das Werk spezifische schizophrene Merkmale aufweist.
Nach Jaspers muss man vergleichen und sehen, ob formulierbare Unterschiede gegenüber solchen paralytisch bedingten Wandlungen bestehen. Es muss auch im Werk des Künstlers und nicht nur in der Biographie nach solchen Unterschieden gesucht werden und anschließend mit anderen Werken verglichen werden. Die Werke schizophrener Künstler müssen ebenso miteinander verglichen werden, wie die Werke schizophrener Künstler mit nicht schizophrenen „gesunden“ Wandlungen genialer Menschen.

Dies sieht Jaspers als zukünftige Aufgabe der vergleichenden pathographischen Analyse.
Im Anschluss warnt Jaspers vor einer missverständlichen Nutzung der Begrifflichkeiten „Geisteskrankheit“ und „Schizophrenie".

„ ́Schizophrenie ́ ist kein scharfer, aber dafür unendlich reicher Begriff, der in verschiedenen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen annimmt.“50


Er wiederholt seine zu Beginn gemachte Grundthese über den produktiven Geist:

„Der Geist steht jenseits des Gegensatzes von gesund und krank. Aber Werke, die auf dem Boden eines als krank gewerteten Prozesses gewachsen sind, könnten einen spezifischen Charakter haben, der ein wesentliches Moment im Kosmos des Geistes ist und doch in der Wirklichkeit nur existierend wird, wenn jener Prozeß die Bedingungen schafft.“51

Auf Grundlage der Beobachtungen Jaspers, ist festzustellen, dass sich die Dichtung Hölderlins mit dem Beginn seiner Geisteskrankheit um das Jahr 1800 verändert hat. In langsamen Schritten fallen zuerst inhaltliche und leichte Formveränderungen auf, die sich in den folgenden Jahren weiter manifestieren

Hölderlins produktives, künstlerisches Schaffen wird jedoch vorerst durch die Krankheit nicht beeinträchtigt. Das Schaffen dauert fort, bringt dabei einen neuen lyrischen Stil hervor. Lange und v. Hellingrath erkennen sprachliche, formelle Veränderungen in Hölderlins Werk ab 1800, deuten diese jedoch unterschiedlich. Jaspers will diese formellen Veränderungen nicht objektivieren. Er erkennt jedoch eine inhaltliche Entwicklung in der Selbstauffassung, der mythischen Weltanschauung, der inneren Spannung und der Vehemenz göttlicher Einwirkung. Die Sprache verändert sich nach Dilthey in ihrer bildlichen Stärke hin zum Seltsamen, Exzentrischen. Seine Entwicklung drängt sich an der Grenze des Wahnsinns zu der „gänzlichen Befreiung des inneren Gefühlsrhythmus von den gebundenen metrischen Formen“.

Jaspers schreibt dazu:


„Während dieser Zeit besteht eine starke Spannung zwischen dem vehementen Erleben und der disziplinierenden Formung. Eine gewaltige Anstrengung ringt den langsam zunehmenden Kräften der Auflösung das Äußerste ab. Beiden ist während der schizophrenen Zeit das mythische Sehen, die mythische Gegenwärtigkeit selbstverständlich, ob sie nun mehr in realistischen oder mehr in idealen Gestalten da ist. Kunst und Leben gewinnt mehr als vorher eine Bedeutung, die man metaphysisch oder religiös nennen kann.“52

Die Werke zwischen 1801-1805 werden zwar von der Hölderlinforschung unterschiedlich gewertet, entsprechend der angewandten Untersuchungsperspektive, sie gelten aus heutiger Perspektive jedoch meist nicht als minderwertig, sondern als ebenbürtig.

Spätestens ab dem Jahr 1806 ist Hölderlins Dichtung für den Leser verworren, scheint zusammenhangslos und ist schwer verständlich. Nur noch selten gelingt es dem Dichter einen ausformulierten Gedanken zu Papier zu bringen.

4.0 Literaturverzeichnis:

Primärliteratur:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Gedichte. Text und Kommentar. Hrsg. von Jochen Schmidt. 4

Bde. Frankfurt am Main 2005
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe. 2. Gedichte nach 1800. Hrsg. von Friedrich Beißner. Berlin 1959.
Friedrich Hölderlin: Wörterbuch zu Friedrich Hölderlin : auf der Textgrundlage der Großen Stuttgarter Ausgabe. 1. Die Gedichte. Hrsg. von Heinz-Martin Dannhauer, Hans Otto Horch und Klaus Schuffels. Tübingen 1983.

Sekundärliteratur:

Monographien:

Wilhelm Lange-Eichbaum: Hölderlin. Eine Pathographie mit zwölf Schriftproben und einer Stammtafel. Stuttgart 1909.

Ingeborg Joppien: Friedrich Hölderlin. Eine Psychobiographie. Stuttgart 1998.

Karl Jaspers: Strindberg und van Gogh. Versuch einer vergleichenden pathographischen Analyse. München 1977.

Winfried Menninghaus: Hälfte des Lebens. Versuch über Hölderlins Poetik. Frankfurt am Main 2005.

Theodor Schwab: Hölderlins Leben. Nach der Ausgabe letzter Hand von 1874. 2. Auflage. München 2003.

Wilhelm Waiblinger: Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn. Hamburg 1947. Stephan Wackwitz: Friedrich Hölderlin. 2. Auflage. Stuttgart 1997.

Gerhard Weinholz: Zur Genese des „Wahnsinns“ bei Friedrich Hölderlin. Ein Erklärungsmodell aus dem Kontext seiner Zeit. Band 2. Essen 1990.

Zeitschriftenartikel:
E. Kerkhoff: Friedrich Hölderlin’s “Hälfte des Lebens“. In: Neophilologus 35 (1951).

T. Maier: Über Psychose, Sprache und Literatur. In: Der Nervenarzt 70 (1999).
W.K Strik: Die psychische Erkrankung Vincent van Goghs. In: Der Nervenarzt 86 (1997).

Lexika:

Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in 7 Bänden. Hrsg. von Karlheinz Barck u.a. Stuttgart/Weimar 2000.

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Kindlers Literatur Lexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. 18 Bde. 3Auflage. Stuttgart 2009.

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