Das Sein sein lassen (Erschienen in der "Komma zum Punkt" Buch Anthologie)

Das Leben ist verrückt. Ich meine, es ist doch wirklich absurd. Irgendwann hat sich das Universum dazu entschieden, von heute auf Morgen, was unsinnig ist, weil es ja zu dieser Zeit noch keine Zeit gegeben hat, sich ohne Vorankündigung in das Sein zu werfen. Es wollte sein oder zumindest wollte es nicht mehr alleine sein, nicht mehr Nichts sein. „Nicht sein. Gibt es das überhaupt?“, frage ich mich.

Heute unzählige Jahre später denke ich über das Sein und das Nicht-Sein nach und es kommt mir fast so vor, als wäre es gestern gewesen als das Universum als Sein aus dem Ei des Nicht-Seins geschlüpft ist und sich dann in atemberaubender Geschwindigkeit bis hier hin ausgebreitet hat, bis hin zu diesem Moment, der meiner Meinung nach immer noch der Selbe ist.

Ich beobachte diesen Moment. 

Ich lasse für einen Moment das Bewerten sein um das Sein zu lassen was ist und beginne die Gedanken über das Sein loszulassen. Auch die großen Fragen des Lebens, die noch bis eben meine schlaflosen Nächte mit Gedanken gefüllt und meine wirren Tage mit Sehnsucht begleitet haben, lasse ich los, ich lasse sie sein.

Vielleicht haben es die großen Philosophen ja gut gemeint, denke ich mir. Diese großen Denker mit ihren endlosen Bemühungen das Sein zu erklären und zu bestimmen, was der Mensch denn eigentlich in diesem Sein verloren hätte und wie er sich darin verhalten solle.

Vielleicht hatten sie aber auch nicht das Recht dazu, das Sein zu ergründen und uns zu sagen, wer wir darin sind und wie wir uns darin zu verhalten haben. Denn wir sind doch nichts Bestimmtes, nichts Festes, wir sind doch nichts. Wir verändern uns doch schließlich ständig. Ob wir nun sind oder werden, Ob wir gut oder schlecht, endlich oder unendlich sind, das weiß ich nicht. Ich glaube wir müssen das auch gar nicht wissen. Ja, vielleich sollten wir das Sein einfach mal in Ruhe lassen und das Sein lassen.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt, so hat es der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal formuliert.
Wir geben den Dingen Namen und grenzen sie ein. Wir ordnen ihnen Eigenschaften zu und orientieren uns dann an diesen Eigenschaften. Während wir sie benennen und besitzen wollen, verlieren wir sie jedoch gleichzeitig. Sprache ist unendlich schön und ohne sie würde eine hochkomplexe Gesellschaft wie die Unsrige wohl nicht funktionieren. Gott sei Dank, so sagen die Gläubigen.

Doch ich glaube nicht mehr daran.  Für mich hat die Sprache ihre Bedeutung verloren. Ich spreche nicht gerne, darüber. Denn ich möchte euch nicht mehr länger sagen, was ihr sein sollt. Ich will euch nicht mehr in meine begrenzte Weltanschauung reinpressen, wie faule Äpfel in einen frischgepressten Orangensaft.  Nein, ich will euer Geheimnis bewahren und lasse euch in Ruhe. Ich lasse euch Sein. Was ihr dann sein wollt, das ist mir gleich. Ich höre euch allen gerne zu. Ich höre dir zu wie den schweigenden Pflanzen auf meinem täglichen Heimweg oder dem, durch die Äste pfeifenden Wind wenn ich einmal im Wald spazieren gehe. Genauso höre ich auch dir zu, was du zu sagen hast. Wie du das Leben verstehst. Was du denkst und fühlst. Ich fühle es auch, nur alles, was ich fühle, zer-denken, das will ich nicht mehr.

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